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Wie alles begann

Zwei Wochen später folgte sein Abschiedsgottesdienst. Merkwürdigerweise handelte der vorgeschriebene Predigttext aus dem Lukasevangelium vom "Reichen Mann und armen Lazarus". Unter der Kanzel saßen 19 arme Lazarusse: "Berber" und Bettler. Da wurde der Traum von einer Reutlinger Vesperkirche erstmals laut. Die Presse hat ihn prompt publik gemacht.
Schlagzeilen: "Ein Traum zum Abschied", "Lazarus vor der Tür", "Die Berber sind ihm ans Herz gewachsen"… Das Stichwort Vesperkirche fiel mehrfach.

Kaum im Ruhestand meldeten sich beim Pfarrer i.R. zahlreiche Sympathisanten, die alle mitmachen wollten. Man bildete einen ökumenischen Aktionskreis, in dem alle Reutlinger Konfessionen vertreten waren. Es verbreitete sich eine große Euphorie. Alle kriegten Lust das Experiment zu wagen. In der Öffentlichkeit gab es viel Zuspruch. Viele wollten mitmachen und das Projekt finanziell mit tragen. Nur die Institutionen Stadt und Kirche blieben zunächst skeptisch. Wir folgten der Stuttgarter Erfahrung: "Alle Armutsgruppen samt "normalen Bürgern" unter ein Dach - das geht nur in einer Kirche". Wir entschieden uns für die kleine Nikolaikirche.
Bänke raus
Aus theologischen Gründen: Nikolaus als Freund der Armen. Aus geografischen: Zentral gelegen. Und aus praktischen Gründen: Die Nikolaikirche ist am leichtesten zu einem Gasthaus umzufunktionieren. Nun stellte uns die kirchliche Verwaltung die gewünschte Kirche mietfrei zur Verfügung. Wir planten für Ende Januar bis Ende Februar.

32 schwere Kirchenbänke wurden abgeschraubt und in einer Panzerhalle bei der Kasernen gelagert. Geliehene Tische und Stühle wurden aufgestellt. Immer mehr Helfer/innen stellten sich ein. Immer mehr Spenden landeten beim Diakonischen Werk. Klaus Kuntz wurde unweigerlich zur Leitfigur. Als reaktivierter Pfarrer eröffnete er mit einem Festgottesdienst am 25. Januar 1998 die erste Reutlinger Vesperkirche. Am ersten Tag überwog noch die Zahl der Honoratioren und interessierten Gemeindemitglieder. Die verschiedenen Armutsgruppen blieben in der Minderheit. Doch das Verhältnis änderte sich von Tag zu Tag. Immer mehr Wohnungslose und Arbeitslose, Kleinrentner/innen, Sozialhilfeempfänger und arme Familien füllten die Kirche. Viele identifizierten sich mit ihr: "Das ist unsere Kirche".


Trauung
Später, bei der 2. und 3. Vesperkirche, baten zwei Berberpärchen um eine kirchliche Trauung und Taufe, und zwar bewusst in "ihrer Kirche" mit "ihrem Pfarrer". Und siehe da: Etliche Bürger nahmen teil und solidarisierten sich mit den Armen. Das gilt auch für das gemeinsame Essen: Wer sich schon an der Kasse als "Solidaresser" zu erkennen gibt, will auch bei Tisch seine Solidarität zeigen, im Gespräch, in der Anteilnahme am persönlichen Geschick seiner Tischgenossen. Mit solchen Motiven besucht man sonst kein Speiselokal. In der Vesperkirche gehen die bedürftigen Gäste leichter aus sich heraus,wenn sie sich angenommen fühlen. Sie erzählen aus ihrem Leben. Hier konnte man täglich erleben, wie gesellschaftliche Barrieren überwunden werden. Veränderung im Denken, Reden und Handeln ist wohl nur durch Begegnung auf gleicher Augenhöhe möglich.



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