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Friseur

Highlights aus vergangenen Vesperkirchen

Die Reutlinger Vesperkirche hat ihren Gästen von Anfang an mehr geboten als Essen und Trinken. Neben Sozialberatung durch den Diakonieverband Reutlingen und ambulanter Krankenpflege, die von Ärzten geleistet wird, gab es verschiedene Serviceleistungen wie einen Friseur. Ein festes Kulturprogramm ist ebenfalls Bestandteil der Reutlinger Vesperkirche: Kinder- und Jugendgruppen, Solomusiker, Bands und Orchester spielen oder singen zu Freude der Gäste in der Mittagszeit.

Besondere Höhepunkte stellen die Konzert- und Theaterabende dar. So waren in der Vergangenheit unter anderem die russische Sängerin und Organistin Natascha Majevskaja oder das Brasilianische Jugendorchester Camerata Ivoti aus Porto Alegre zu Gast - genauso wie die beiden Solisten Artem Seidenberg, 1. Bundespreisträger mit seiner Konzertgitarre, und Martin Bürck aus Bad Urach mit seinen klingenden Gongs und Wasserschalen oder das Vokalensemble "Vorlaut".

Regelmässige Auftritte hatten in den vergangenen Jahren zudem mit Benefizkonzerten "Tante Friedas Jazzkränzchen" und "Dein Theater" aus Stuttgart.

Musiker
Theaterstück
Musiker
Theaterstück
Weitere Highlights:
Neun Theaterabende, einer mit dem Tübinger Landes- theater (LTT) und dem Obdachlosenstück "Nebensache". Die übrigen acht mit dem Reutlinger "Theater Tonne". Unvergessen "Mit vollem Mund", hinreißend dargestellt von Sabine Hollweck.

Auch Prominente Gäste aus Stadt und Land erweisen der Vesperkirche ihre Reverenz, mischen sich unter die Besucher, pflegen Tischgemeinschaft und Konversation. Prompt waren die Medien dabei. Schüler und Studenten absolvierten Praktika, führten Interviews, schrieben Diplomarbeiten.

Das Reutlinger Familienforum erstellte eine viel beachtete Fotoausstellung mit Lebensbildern "Tabu Armut. Und die im Dunkeln sieht man doch". Nach wochenlanger Präsenz in der Vesper- und Citykirche ging die Ausstellung auf Tournee.
 
 
 
 
 
 
 
Vom Recht des Dazugehörens
 
Festlicher Auftakt der 20. Reutlinger Vesperkirche mit kirchlicher und weltlicher Prominenz
 
"Liebe Sympathisanten der Reutlinger Vesperkirche", begrüßte Ruhestandspfarrer und neuer geistlicher Kopf des besonderen Reutlinger Gasthauses all die Gäste des Festgottesdienstes am gestrigen Sonntagnachmittag. Der eigentliche Startschuss für die 20. Reutlinger Vesperkirche war schon am Vormittag gefallen, die ersten rund 200 Essen waren bereits verteilt und einmal mehr wurde laut Reutlingens Oberbürgermeisterin "mit der Vesperkirche auch die Botschaft von Weihnachten verdeutlicht, dass Frieden auf der Erde möglich ist".
Eine kurze Andacht von Ursula Göggelmann hatte am Vormittag in die diesjährige Ausgabe der Vesperkirche eingeleitet. Der Andrang war am ersten von 29 Tagen noch überschaubar doch wie in all den 19 Jahren zuvor werden sich nach Überzeugung der ehrenamtlichen Mitarbeiter des Leitungskreises auch in den kommenden vier Wochen die Zahlen der ausgegebenen Essen wieder auf weit über 300 täglich einpendeln. Denn: Obwohl die materiellen Möglichkeiten auf dieser Welt noch nie so groß waren wie heute, stehen sich Armut und Reichtum unvereinbar gegenüber, hob Landrat Thomas Reumann in seinem Grußwort hervor. 795 Millionen Menschen hungern auf dieser Erde, 9 Prozent müssen verschmutztes Wasser trinken. Laut Reumann herrsche aber auch in Deutschland, in einem der reichsten Länder der Welt, Mangel im Überfluss.
Mit dem Begriff "Liebe Sympathisanten" begrüßte Frank Otfried July ebenfalls die Gäste beim Festgottesdienst. Das besondere Reutlinger Gasthaus sei nach den Worten des Württembergischen Landesbischofs ein Zeichen, um Armut sichtbar zu machen. Doch Vesperkirche ist noch viel mehr, nämlich ein Symbol für die Liebe der Menschen untereinander, betonte er während seiner Predigt. Hier findet echte, wohlwollende Zuwendung statt, Hinsehen und Hinhören in Zeiten von Twitter und Co., hier wird auch Schweres miteinander ausgehalten, so July.
Somit sei Vesperkirche auch eine Art Grundschule des Evangeliums und des diakonischen Handeln, sprach der Bischof weiter. Dabei sei die Versorgung mit Essen und Anteilnahme, mit warmer Mahlzeit und offenen Ohren keine Almosenkirche, wir wollen uns hier auf Augenhöhe begegnen, so July. Er richtete seinen Dank an all die Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen, die Vesperkirche erst ermöglichen. Landrat Reumann richtete seinen Dank direkt an den Gründervater der Reutlinger Vesperkirche, an Klaus Kuntz, der zusammen mit Gattin Jutta ebenfalls anwesend war. Klaus Kuntz hat es nicht beim schwäbischen mer sott belassen, so Thomas Reumann. Kuntz war kurz nach der Gründung der ersten Vesperkirche in Stuttgart 18 Jahre lang Initiator, Motor und Kopf des Reutlinger Gasthauses auf Zeit gewesen. Vesperkirche ist gelebte Nächstenliebe, ein Gewinn für uns alle, betonte der Landrat weiter. Vesperkirche ist Licht, gutes Zeichen und Vesperkirche wird auch künftig unverzichtbar sein.
Liebe Aktivisten und im besten Sinne des Wortes, Mitläufer der Reutlinger Vesperkirche, hatte Barbara Bosch die Gäste begrüßt. Nun öffnet die Nikolaikirche wieder ihre Türen und alle, die hierher kommen, sind Gäste aber es geht auch beim 20. Mal um weitaus mehr als nur Gäste zu bewirten, so die OB. Sinn und Zweck der Einrichtung sei nämlich, das Menschenrecht des Dazugehörens zu verwirklichen, sagte Barbara Bosch. Allerdings sprach sie auch andere Entwicklungen und Tendenzen an: In Zeiten, in denen die Verrohung alltäglich wird, in Zeiten, in denen es uns insgesamt so gut geht wie nie zuvor, könnte man verzweifeln und aufgeben. Das sei jedoch das Grundfalsche, denn die Vesperkirche wirke auch als Zeichen dafür, dass es in unserer Stadt Ruhe und Wärme gibt. Gefühlskälte sei zu einem Teil der Gesellschaft geworden, habe sie aber nicht insgesamt ergriffen. Mit solchen Beispielen wie der Vesperkirche gelte es, dieser Entwicklung entgegenzustehen.
Das besondere Reutlinger Gasthaus auf Zeit sei nach den Worten von Jörg Mutschler eine charmante Antwort auf Resignation und Gleichgültigkeit, rief der geistliche Kopf der Achalm-Vesperkirche ebenfalls dazu auf, nicht klein beizugeben und der Gefühlskälte mit Nächstenliebe die rote Karte zu zeigen.
Lasst uns Licht sein, für alle, die uns begegnen in dieser dunklen Zeit, hatte Gertrud Böbel als eine der am längsten tätigen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen der Reutlinger Vesperkirche betont. Zu diesem kleinen Kreis gehört auch Gertrud Schief sie illustrierte am Schluss des gestrigen Festgottesdienstes  einen Rückblick auf 20 Jahre Vesperkirche an der Achalm. Vesperkirche ist ein Ort der Geborgenheit, der Begegnungen und Berührungen, hatte Mutschler in seinen einleitenden Worten gleich zu Beginn des Jubiläumsgottesdienstes gesagt. Diese Begegnungen und Berührungen würden nicht die Armut abschaffen oder die Gesellschaft verändern sie verändern aber uns selbst, wenn wir uns dort einbringen.
(Artikel in den Reutlinger Nachrichten vom 16. Januar 2017)
 
Auch für's "i-Dipfele" zuständig
 

Das Zwischenfazit der diesjährigen 20. Ausgabe der Reutlinger Vesperkirche? "The same procedure as every year", sagt Jörg Mutschler schmunzelnd. Also das Gleiche wie in jedem Jahr? Ja, mit dem Unterschied, dass hier kein "Dinner for one" gegeben wird, sondern jeden Tag Essen für mehr als 300 Menschen", sagt der neue theologische Leiter des besonderen Gasthauses nach rund 1,5 Wochen Betrieb. "Es läuft alles sehr routiniert." Genauso sehen es auch die Mitarbeiterinnen, die seit vielen, vielen Jahren dabei sein: "Wir haben ja Teams, die schon seit fast 20 Jahren zusammenarbeiten", sagt Gertrud Schief.
Und die Gäste? Rund 330 Essen wurden diese Woche täglich ausgegeben. Bei "nur" 80 Sitzplätzen an den Tischen und 2,5 Stunden Essensausgabe wechselt die Besetzung der Stühle durchschnittlich viermal. "Auch bei den Besuchern ist schon eine gewisse Routine eingekehrt" nicht alle kommen um 12 Uhr, sie wissen ja auch, dass sie danach noch ausreichend zu essen bekommen, sagt Gisela Braun. Routine auch bei den Mitarbeitern, auch wenn unter den mehr als 200 Ehrenamtlichen immer wieder neue dabei sind: Die werden sofort gut integriert von den anderen. Die Krankheitsausfülle, die es auch immer wieder gibt, würden problemlos ersetzt: Es gibt immer genug Freiwillige, die kurzfristig einspringen, betont Gisela Braun als hauptamtliche Kraft in der Vesperkirche. Dass an den Wochenenden der Altersdurchschnitt sinkt, sei eine weitere Beobachtung: Dann kommen einige, die während der Woche berufstätig sind das ist auch ein tolles Engagement, so Braun.
Und Jörg Mutschler, der nun die Rolle von Klaus Kuntz eingenommen hat? Pfarrer Mutschler ist sehr präsent, er schaut nach den Gästen, sucht das Gespräch, sagt Gisela Braun. Und das Geld für den Betrieb der Vesperkirche? Reicht das? Wir werden wohl hinkommen mit den Spenden sollten ein paar Euro mehr hereinkommen, gehen die ja nicht verloren, sondern werden dann für nächstes Jahr verwendet.
Ein Mann, der sonst fast nur im Hintergrund tätig ist, ist am vergangenen Mittwoch in der Vesperkirche zu sehen zusammen mit seinen Kollegen Olaf Niemann und Markus Bähmer gibt Winfried Herb als Küchenchef der BruderhausDiakonie das Essen in der Nikolaikirche aus. Und verziert obendrein den Nachtisch mit einem i-Dipfele, einem Sahnehäubchen. Er erinnert sich noch gut daran, als der Leitungskreis vor der allerersten Vesperkirche 1997 bei ihm anfragte, ob seine Küche das Essen liefern könne. Das war damals alles a bissle schwammig, mir konnte ja niemand konkrete Zahlen nennen, sagt Herb heute.
Schließlich fehlten jegliche Erfahrungswerte, wir haben aber schnell gemerkt, dass wir zusammenpassen, lächelt der Küchenchef, der eigentlich viel mehr Organisator und Logistiker ist als Koch: Jeden Tag muss seine Küche mehr als 2000 Mahlzeiten liefern, an rund 140 Verteilstellen, das reicht von einer fünfköpfigen Wohngemeinschaft bis zu zahlreichen Altenheimen. Die Region, die angefahren wird, reicht dabei vom Ermstal bis in den Schwarzwald hinein. Gekocht wird nach dem cook-and-chill-Prinzip immer einen Tag vorher. Anders wäre das gar nicht machbar, so Winfried Herb. Bis zu 350 Essen mehr am Tag für die Vesperkirche erscheinen bei einer Zahl von 2000 fast schon klein. Ganz so ist es aber nicht, denn für die vier Wochen Vesperkirche wird kein zusätzliches Personal eingestellt. Unsere Leute stehen voll dahinter und sind sehr konzentriert“, sagt der Chefkoch. Von unseren Mitarbeitern sagen viele, dass sie zur Vesperkirchenzeit nicht fehlen dürfen, so Herb.
Ein Stückweit ist unsere Tätigkeit auch Ehrenamt, für uns ist es eine große Freude, dass die Zusammenarbeit jetzt schon 20 Jahre lang funktioniert. Herb hält dem Vesperkirchen-Leitungsteam zugute, dass es nie nach anderen Anbietern gesucht hatte. Billiger geht ja immer, sagt der Küchenchef. Allerdings ist das Bruderhaus-Küchenteam seit 20 Jahren bestens eingestellt auf die Belieferung der Vesperkirche: Das Essen wird ja nicht nur in passenden Behältern punktgenau per Lkw angeliefert, alles wird auch wieder abgeholt und gespült. Und selbst Nachlieferungen sind kein Problem: Die Portionen nehmen wir aus den 2000 anderen Essen raus, müssen dann eventuell für die anderen Verteilstellen nachkochen, so Winfried Herb.
 
INFO:
Winfried Herb
Winfried Herb steht seit 46 Jahren im Beruf des Kochs seinen Mann, seit 35 Jahren ist er Küchenchef bei der BruderhausDiakonie. Die hieß damals allerdings noch Gustav-Werner-Stiftung. Im März 2018 wird Herb in den Ruhestand gehen. Mit Vesperkirche ist es bei mir dann aber nicht vorbei, sagt er. Und kündigt damit schon mal an, dass er sich auch weiter ehrenamtlich einbringen will. Das weiß er nämlich jetzt schon. Weil ihm die Reutlinger Vesperkirche eine Herzensangelegenheit ist.
(Artikel im GEA am 31. Januar 2017)

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