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Selbst anpacken ist wertvoll

„Zu spenden, ist einfach“, sagte Thomas Braun als Inhaber und Geschäftsführer des Reutlinger Unternehmens Holz Braun am Dienstag in der...weiterlesen


Am Sonntag, 11. Februar, endet die Reutlinger Vesperkirche nach vier Wochen wieder mit einem feierlichen Gottesdienst um 15 Uhr. Die Predigt wird...


Wie ein gut geöltes Räderwerk

  Am ersten Öffnungstag der Reutlinger Vesperkirche, am kommenden Sonntag, steht Kalbsrahmbraten, Schupfnudeln, verschiedene Gemüse und ...weiterlesen


„Wir spenden nicht aus Jux und Dollerei“, betonte Thomas Witzel am Mittwoch vor der Reutlinger Nikolaikirche. „Wir freuen uns, auch dieses Jahr...weiterlesen


Lernfeld von Respekt und Würde

 

„Hiermit erkläre ich die 21. Reutlinger Vesperkirche für eröffnet - Guten Appetit“, sagte Pfarrer Jörg Mutschler am gestrigen Sonntag um kurz nach halb 12 Uhr. Zum Gottesdienst als Start in die neue Saison waren noch verhältnismäßig wenig Gäste gekommen, um 12 Uhr herrschte aber schon wieder die geschäftige Enge, die sowohl die zahlreichen Helfer wie auch die Besucher der Vesperkirche in den 20 zurückliegenden Jahren gewohnt waren.

Kalbsrahmbraten gab es und – völlig ungewohnt – musste kein Euro bezahlt werden. „Setzen Sie sich doch einfach hin, Sie werden bedient“, forderte Mutschler nach einigen Minuten all die Gäste auf, die wie all die Jahre zuvor geduldig in der langen Schlange warteten, um an der Wärmetheke ihr Essen zu erhalten. Es wird also wohl noch eine Weile brauchen, bis sich die Besucherschar daran gewöhnt hat, dass sie – wie in einem richtigen Gasthaus, in einem Restaurant – bedient werden können.

Ebenfalls neu in der diesjährigen Vesperkirche: die Anordnung von Tischen und Stühlen. Die lange Tischreihe in der Mitte wirkt zunächst fremd, „schafft aber mehr Platz für Verkehrsraum“, so Mutschler. Also mehr Platz für die Bedienung der Gäste. Neu ist ebenfalls: die Spendenboxen auf den Tischen. Die Skepsis bei so manchen der Helferinnen und Helfern ist groß, ob das neue System funktionieren wird. „Ein Euro kann doch jeder zahlen“, hieß es da. „Die Gäste können in die Boxen einwerfen, soviel sie können / wollen“, sagte Mutschler und verwies dabei auf die Erfahrungen mit den Spendenboxen in so vielen anderen Vesperkirchen im Land.

Grundsätzlich gehe es in der Reutlinger Variante des „besonderen Gasthauses“ aber nicht ums Geld, sondern um „ein Lernfeld von Würde und Respekt im Umgang miteinander“, wie Pfarrer Mutschler betonte. Und es gehe natürlich auch um „die Botschaft von der Würde jedes einzelnen Menschen“. Gleichzeitig sei bei allen Vesperkirchen eine weitere Botschaft wichtig: Dass nämlich „die verschämte Armut neben dem unverschämtem Reichtum einfach nicht sein darf“, betonte Jörg Mutschler.

Mit dem „täglichen Brot“ im „Vater-unser“ beschäftigte sich Pfarrerin Ursula Göggelmann in ihrer Predigt. Ob das Brot tatsächlich von Gott komme, wo wir es doch beim Bäcker oder im Supermarkt einkaufen? „Wir sollten da mal den Weg des Brotes zurückverfolgen“, forderte sie auf. Auch „wenn der Mensch noch so sehr mit Glyphosat und anderen Dingen da reinpfuscht – dass das Korn auf dem Acker wachsen kann, dafür sorgt Gott mit Sonne und Regen“, so Göggelmann.

Und dass in der Vesperkirche Menschen mit dem Essen für einen ganzen Tag versorgt würden, „dafür braucht es viele Hände und viele Helfer“, betonte die Pfarrerin. Viele Hände in der BruderhausDiakonie zum Beispiel, wo das Essen bereitet wird. Viele Hände aber auch in der Vesperkirche, die die Mahlzeiten servieren, Vesperbrote streichen, im Vorfeld Kuchen backen. „All das kriegen die Gäste hier – da sollten sie auch mal an all die fleißigen Hände denken.“ Und hinzu komme: „Brot hat auch seine Würde, es sollte also nicht einfach achtlos weggeworfen werden, denn das ist eine Beleidigung Gottes“, betonte Ursula Göggelmann.

Bevor es dann tatsächlich an die Essenstöpfe ging, sagte Barbara Bosch einmal mehr ein Grußwort zur Eröffnung der Reutlinger Vesperkirche: „Hier geht es wie bei dem Markenbildungsprozess, der nun in der Stadt anläuft, um ein gemeinsames Verständnis, um die Identität der Mitmenschlichkeit und Solidarität.“ All das gehöre nämlich auch zur Stadt, „auch das ist ein Markenkennzeichen und zwar ein ganz besonderes“, so die Oberbürgermeisterin. Und darauf sei sie stolz.

Was dann noch folgte, war ein von Mutschler verlesenes Grußwort von Gerlinde Kretschmann. Die Schirmherrin aller Vesperkirchen im Land sagte Dank an alle Helfer, „die mit ihrem Engagement gesellschaftliche Verantwortung übernehmen“, so die Gattin des baden-württembergischen Ministerpräsidenten. Dann ging’s aber endlich an die Verteilung der Mahlzeiten. Und da war die Reutlinger Vesperkirche auch gewohnt gefüllt. Wie all die Jahre zuvor.


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