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Eröffnungsgottesdienst am ersten Tag der Reutlinger Vesperkirche wurde sehnsüchtig erwartetweiterlesen


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Was für eine Schande

„Die Reutlinger Vesperkirche ist ein Denkmal der Schande“, hatte Vesperkirchenpfarrer Jörg Mutschler beim Umbau der Citykirche zu „dem besonderen Gasthaus auf Zeit“ vor wenigen Tagen betont. Eine Schande ist tatsächlich, dass die Situation der ärmeren Menschen in der Stadt während 21 Jahren Vesperkirche sich nicht verbessert hat, sondern noch weiter verschlechtert. „Die Zahl der Armen ist gestiegen“, so Mutschler. Und das bildet sich auch in der Vesperkirche ab – immer mehr Menschen strömen dorthin, immer mehr Menschen suchen einen warmen Platz zum Bleiben, einen Ort, an dem sie mit einem guten Mittagessen, mit Kaffee und Kuchen, einem Vesper und auch mit freundlichen Worten sowie offenen Ohren bedient werden.

Allein dieses Bedient-werden ist ja etwas, das die finanziell Schwächeren in der Stadt kaum gewohnt sind. Weil sie das Geld für einen Restaurantbesuch eh nicht haben. Weil sie eher Schlange-stehen (wie etwa beim Jobcenter, in der Arbeitsagentur, beim Sozialamt) gewohnt sind. Freundlich bedient zu werden existiert in der Welt der Ärmeren so gut wie nicht. „Den Menschen in der Vesperkirche das Essen an den Tisch zu bringen hat auch was mit Würde und mit Wertschätzung zu tun“, betonte Mutschler.

Nun ist das außergewöhnliche Restaurant in der Reutlinger Nikolaikirche, das am vergangenen Sonntag feierlich eröffnet wurde, tatsächlich aber nicht nur ein Denkmal der Schande, sondern auch „eine Wohltat für die Gäste“, führte Mutschler weiter aus. Eine Wohltat eben deshalb, weil die Gäste dort das finden, was sie ansonsten sehr vermissen: Wärme, Aufmerksamkeit, Gespräche, Freundlichkeit und sogar Zuneigung von mehr als 250 ehrenamtlichen Helfern. Vier Wochen lang wird die Vesperkirche am Rand der Wilhelmstraße auch dieses Jahr wieder geöffnet haben. Und selbst die Lage dieser Lokalität könnte man symbolisch betrachten: Am Rand der Reutlinger Einkaufsmeile, in der die ärmeren Bürgerinnen und Bürger sich die meisten Sachen in den Läden eh kaum leisten können.

Von diesem Rand holt die Vesperkirche die Menschen aber in die Mitte der Gesellschaft, „wir bieten Ihnen hier eine Bühne“, hatte Jörg Mutschler am Sonntag sogar gesagt. In der Vesperkirche dürfen die Menschen sein, wie sie sind, dort werden sie bedient – und zwar nicht nur so, als wären sie „ganz normale“ Gäste. In der Vesperkirche sind sie es tatsächlich. Schon am ersten Tag der Öffnung war deutlich zu erkennen, dass viele ältere Menschen unter den Besuchern waren. Hört man ihnen zu, erfährt man von berührenden Schicksalen, von Frauen, die Kinder großgezogen haben, die in Minijobs ein paar Euro hinzuverdient haben. Bei vielen ist der Mann dann gestorben, sie selbst sind oft erkrankt, die Rente, die den Frauen nun bleibt, reicht vorne und hinten nicht. Das ist eine Schande in einem so reichen Land. Aber auch immer mehr Männer, die in Rente kommen, müssen sich trotz verdientem Ruhestand eine Zusatzbeschäftigung suchen. Weil die Rentenbezüge viel zu knapp sind. Auch das ist eine Schande. Und dann steigen Miete und Nebenkosten oft immens, den Menschen droht die Kündigung. Allerdings ist dringend benötigter günstiger Wohnraum nicht zu finden, in dieser Stadt, die beständig wächst.

Schon lange ist klar und offensichtlich, dass mit den Hartz-IV-Gesetzen Niedriglöhne, Beschäftigungen bei Zeitarbeitsfirmen, sonstige prekäre Beschäftigungen enorm zugenommen haben. Was die Arbeitgeber als glorreiche Einführung und Ursache für den jahrelangen Aufschwung feierten, bedeutet für die betroffenen Arbeitskräfte nicht nur, dass sie oft trotz mehrerer Jobs vom Staat auch noch zusätzliche Unterstützung benötigen. Gleichzeitig ist aber auch klar, dass sie automatisch jene Rentner sein werden, die von den Minimalbezügen kaum leben können. Noch so eine Schande.

Menschen am Rand der Gesellschaft. An einem Rand, an den sie abgedrängt wurden. Weil ihre Arbeit vermeintlich so wenig wert ist. Wie bitter so was doch sein muss. Eigentlich müsste ein Aufschrei durch die gesamte Gesellschaft gehen. Eigentlich müssten alle solidarisch zu den Ärmeren stehen. Eigentlich. Was für eine Schande.

(Artikel im Reutlinger Wochenblatt in der 3. Kalenderwoche 2019)


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