Skip to main content

Aktuelles

Predigt von Prälat Dr. Christian Rose zum Auftaktgottesdienst

 |  News

Predigttext: Johannes 2,1-11
„Das kommt mir nicht in die Tüte“,

(1) sagt der Volksmund, liebe Gemeinde, und meint damit: Das darf nicht sein. „Das kommt mir nicht in die Tüte“, dass die Vesperkirche in diesem Pandemiejahr ausfällt. Da waren sich die Verantwortlichen einig: Auf keinen Fall absagen.Was aber dann? Nachdenken, kreativ sein und am Ende die Idee: Die Tüten sollen voll sein.Mit Speise für Leib und Seele.Klar, Vesperkirche anders als sonst. Aber „Gott sei Dank, vier Wochen habe ich keine Sorge um das Essen.“ So schreibt ein Besucher ins Gästebuch der Vesperkirche. Vier Wochen keine Sorgen ums Essen. Für manche klingt das wie ein Wunder. Also, rein in die Tüte: »Vesperkirche, Essen to go«. Wurst- und Käsebrötchen, Nachtisch, ein Getränk und etwas Süßes, ein leicht aufzuwärmendes Mittagessen. In die Tüte kommt auch ein Wort, das dem Herzen gut tut. Zuspruch für unterwegs. Wenigstens vier Wochen.Hoffentlich noch länger.

(2) Wir eröffnen heute die 24. Reutlinger Vesperkirche. Immer noch ist es eine traurige Nachricht, dass wir Vesperkirchen brauchen, weil Menschen nicht genug zu essen habe. Und immer noch dürfen wir uns daran freuen, dass es sie gibt. Man müsste sie sonst erfinden. Dabei ist die Idee einer Vesperkirche schon ziemlich alt: „Seid barmherzig, wie auch euer Vaterbarmherzig ist.“ So lautet die Jahreslosung in einer Zeit, von der wir nicht wissen, wie lange sie dauern und was sie uns noch alles abverlangen wird. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater (im Himmel) barmherzig ist.“ Werke der Barmherzigkeit fordert Jesus von seinen Jüngerinnen und Jüngern. Und dann zählt er auf: Hungrige speisen, Durstige tränken, Fremde aufnehmen, Nackte kleiden, Kranke und Gefangene besuchen.

(3) Der Gründer der Vesperkirche kommt aus Nazareth. Sohn eines Zimmermanns und Gegenwart Gottes auf Erden. Ein Menschenfreund. Einer, den die Not seiner Zeitgenossen nicht kalt lässt. Der sie sich zu Herzen nimmt. Der die Tüten füllt. Mit Barmherzigkeit. Ein Jahr der Barmherzigkeit. Vielleicht, liebe Gemeinde, ist genau das im Jahr 2021 dran. Ein Jahr der Barmherzigkeit. Wenn die Bibel von Barmherzigkeit redet, dann meint sie das Innerste Gottes. Dort, wo Gott sich selber anrühren lässt. Von der menschlichen Not, an Leib und Seele. Der Hunger nach einer warmen Mahlzeit, aber auch die Sehnsucht nach einem freundlichen, tröstlichen Wort, das uns Hoffnung und Zuversicht gibt. Das gehört in die Tüten: etwas für Leib und Seele. Damit wir alle durchkommen, durch diese bewegte und turbulente Zeit.

(4) Das treibt uns alle in diesen Wochen und Monaten um: Wie kommen wir durch diese Zeit? Von einem jungen Journalisten habe ich gehört: Es ist gut, wenn wir uns darauf einstellen, diese Zeit auszuhalten, zusammenzustehen und uns auf das zu besinnen, was Hoffnung gibt. Die Medizin hat in atemberaubend kurzer Zeit einen Impfstoff entwickelt. Ich finde das sehr erstaunlich und es macht mich dankbar. Mir gibt das Hoffnung, trotz aller Schwierigkeiten. Es braucht noch seine Zeit,bis alle geimpft werden können, die es wollen. Und ja, wir brauchen weiterhin Besonnenheit, Geduldund, langen Atem. Für viele, das weiß ich, ist das eine Zumutung, weil ihre Existenz auf dem Spiel steht, weil die Kälte durch die Jacken kriecht, weil die Haut dünner wird und die Geduld am seidenen Faden hängt. Zusammenhalten: Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist. Und besinnt euch auf das, was Hoffnung gibt. Mir gibt ein Tag wie heute Hoffnung. Wenn wir zusammenstehen, kleine Zeichen der Zuversicht in die Tüten packenund denen austeilen, die es brauchen.

(5) Und ich freu mich auf dieZeit, in der wir wieder fröhlich Feste feiern können. Eine Hochzeit vielleicht, wie wir es eben gehört haben .Eine Hochzeit ist ein Zeichen dafür, dass das Leben seinen Gang geht. Auch heute noch. So wie in dem kleinen Dorf Kana. Es liegt ganz nahe bei der Stadt Nazareth, aus derdie Familie Jesu stammte. Und es liegt in dem Land, in dem der Engel Gottes den Hirten die frohe Botschaft verkündigt hat: „Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkündige euch große Freude. Denn euch ist heute der Heiland geboren.“ Es ist der Spagat des Lebens, der uns Menschen zu schaffen macht. Durch alle Zeiten hindurch. Mitten im Chaos der Welt feiern Menschen Feste. Hass und Verschwörungstheorien treiben uns auseinander, hetzen uns gegenseitig auf. Barmherzigkeit, Liebe und Verständnis führen Menschen zueinanderund, helfen gemeinsam das auszuhalten, was nur schwer auszuhalten ist. Ja,ich bin davon überzeugt,dass wir wieder Feste feiern können. Und wir fangen im Kleinen heute an, wenn wir die 24. Reutlinger Vesperkirche eröffnen. Ein kleines Fest der Hoffnung mit einer frohen Botschaft inmitten schlechter Nachrichten. Darauf will ich nicht verzichten. Das dürfen wir uns, liebe Gemeinde,nicht nehmen lassen.

(6) „Das Beste kommt zum Schluss!“, sagt bei uns der Volksmund. So war es jedenfalls bei der Hochzeit in dem kleinen Dorf Kana. Der Wein war ausgegangen, die Gäste langsam sauer und empört. Und dann, am Ende der Hochzeit, tischt Jesus seinen besten Wein auf. „Das Beste kommt zum Schluss.“ Vielleicht gibt uns das Kraft und Hoffnung zur Geduld. Ich wünsch mir, dass das in meine Tüte reinkommt: Etwas für Leib und Seele. Wenn wir miteinander das Brot brechen, wenn wir die Tüten mit nach Hause nehmen und in einem stillen Moment schauen, was da alles drin ist. Ein Brot, ein Nachtisch, ein Getränk, ein gutes Wort und – vielleicht nicht sofort sichtbar – die Hoffnung, dass das Wunder der Liebe und der Barmherzigkeit Gottes irgendwo in meiner Tüte ist. Und ich fühl mich eingeladen zum Fest des Glaubens und zum Brotbrechen, zusammen mit Ihnen allen und denen, die auf die Tüten warten. Darum: „Brich mit den Hungrigen dein Brot ...“ Amen.

Zurück

rtf1-Beitrag

Einen Fernseh-Beitrag von rtf1 zum Mediengespräch, wie die Vesperkirche im kommenden Jahr ablaufen wird, finden Sie hier.