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Aktuelles

"Vesperkirche läuft zu gut"

Nach drei Wochen Tüten-verteilen vor der Nikolaikirche ziehen die Verantwortlichen ein zwiespältiges Zwischenfazit. Noch eine Woche bis zum Abschlussgottesdienst

Wenn es um die Organisation, die eingespielten Abläufe, „um die Arbeit unserer Mitarbeiter geht, dann können wir sagen, dass die Vesperkirche in diesem Jahr super und rund läuft“, sagt Dr. Joachim Rückle als Geschäftsführer des Reutlinger Diakonieverbands am gestrigen Freitag beim Pressegespräch zum Zwischenfazit der diesjährigen, ganz besonderen Vesperkirche. „Es war absolut die richtige Entscheidung, die Vesperkirche in diesem Rahmen anzubieten“, sind sich Rückle, Jutta Kuhk und Jörg Mutschler einig. Andere Vesperkirchen hätten aufgrund von Corona abgesagt, in Reutlingen habe der Leitungskreis im vergangenen Herbst viel diskutiert und sich für die Tüten-Version entschieden.

Weil das gemütliche Verweilen in der Nikolaikirche, der Austausch mit den anderen Gästen und den zahlreichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in diesem Jahr nicht möglich ist, werden Tüten verteilt. Tüten mit lauter guten Dingen, wie einem Essen, das eingeschweißt, nur noch aufgewärmt werden muss. Ebenfalls darin enthalten: Ein Vesper, ein Getränk, ein Stück Kuchen und eine Karte mit guten Gedanken. Die Gäste nehmen die Geschenke dankbar und freudig an. So auch eine ältere Frau mit Rollator, die gestern um kurz vor 11 Uhr neben der Ausgabestelle vor dem gläsernen Eingang der Nikolaikirche steht. Mit einem roten Absperrband ist der Weg vorgezeichnet, den die Gäste einhalten sollen – die Frau steht daneben. Dann fällt der Startschuss und es heißt, die ersten Tüten können verteilt werden. Eine andere Person geht vor, nimmt die allererste Tüte an diesem Tag und reicht sie weiter an die Frau mit dem Rollator. Ein ähnlich solidarisches Verhalten beobachtet Jörg Mutschler jeden Tag: „Es gibt viele, die nehmen eine zweite Tüte für andere mit.“

Die Atmosphäre unter den Abholern ist ruhig, entspannt. Nur selten gebe es mal Probleme, zum Beispiel mit einem jungen, offensichtlich psychisch kranken Mann, der ohne Maske laut wird. „Das ist aber ein absoluter Ausnahmefall“, sagt Jutta Kuhk aus dem Leitungsteam der Vesperkirche. „Es kommen viele jüngere Gäste, viele Ältere, im Prinzip sind alle Altersschichten vertreten“, so Rückle. Migranten seien auch einige dabei, mehr als die Jahre zuvor. Aber: „Eigentlich läuft die Vesperkirche in diesem Jahr viel zu gut“, wirft Vesperkirchenpfarrer Mutschler ein. Mit durchschnittlich 360 Essenstüten pro Tag sind das laut Joachim Rückle deutlich mehr als die anfangs angenommenen 200. „Es sind viel zu viele Arme, es gibt den Widerspruch zwischen der verschämten Armut und dem unverschämten Reichtum“, so Mutschler. Und dieser Widerspruch zeige sich jetzt in Corona-Zeiten noch viel mehr. „Mir bricht es fast das Herz, wenn die armen Gäste hier aus ihrem Geldbeutel ein paar Cent hervorholen, damit sie wenigstens ein klein wenig spenden können – um damit auch ein Stückweit ihre Würde zu behalten“, so Mutschler.

Rückle spricht einen anderen Aspekt an: „Viele der Gäste draußen vor der Tür kennen andere, sie sind sofort im Gespräch – andere leben so zurückgezogen, haben vielleicht das Reden verlernt und durch Corona wird das nochmals getriggert.“ Und manche Gäste würden zu Mutschler sagen: „Gottseidank gibt es wenigstens euch“, zitiert der Vesperkirchenpfarrer. Eindeutig sei: „Hier läuft was in die falsche Richtung“, betont Jörg Mutschler. Die Gefahr, dass immer mehr Reutlingerinnen und Reutlinger in die Armut abrutschen, sei schon an der langen Schlange vor der Tür der Nikolaikirche abzulesen. Jutta Kuhk hat auch eine Erklärung dafür: Viele hätten ihre Arbeit verloren. Oder aufgrund von Homeoffice müssten sie eine Strom- und Wassernachzahlung von mehreren hundert Euro leisten. „Es gibt sicherlich manche Familie, die solche Beträge gar nicht aufbringen können“, so Kuhk. „Und wenn dann noch das Schulessen ausfällt, macht das für ärmere Familien einen riesigen Unterschied“, so Rückle.

Ein paar positive Aspekte noch zum Schluss: Zusätzliche Getränke-, Wurst- und Brotlieferungen sind laut Kuhk überhaupt kein Problem. Die kommen als zusätzliche Spenden bei der Vesperkirche an. Und der selbstgebackene Kuchen: „Der TSV Betzingen etwa hat 400 Mitglieder angeschrieben und um Kuchenspenden für die Vesperkirche gebeten“, so Rückle. „Ein Mann hat sein Homeoffice und Homeschooling seiner Kinder unterbrochen, um mit ihnen zusammen einen Kuchen für die Vesperkirche zu backen“, weiß Kuhk. Und eine Frau aus Öschingen sei extra angereist, um ihren Rührkuchen abzugeben. Zu viel Süßes habe es aber noch nie gegeben. Und die Geldspenden? „Die sind erfreulicherweise im Vergleich zu den Vorjahren nicht zurückgegangen“, so Joachim Rückle. Der Abschlussgottesdienst ist am Sonntag, 14. Februar, um 15 Uhr, in der Reutlinger Marienkirche. Predigen wird Asylpfarrerin Ines Fischer.

INFO:

Spendenlage gut, aber ….

Die Spendenlage ist gut, sagt Dr. Joachim Rückle. Aber die Endabrechnung fehle ja noch, ergänzt Jutta Kuhk. Deshalb: Wer für die Reutlinger Vesperkirche spenden möchte: IBAN DE18 6405 0000 0100 0230 73 bei der Kreissparkasse Reutlingen.

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rtf1-Beitrag

Einen Fernseh-Beitrag von rtf1 zum Mediengespräch, wie die Vesperkirche im kommenden Jahr ablaufen wird, finden Sie hier.