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Aktuelles

Stachel im Fleisch der Wohlstandsgesellschaft

Start der 25. Vesperkirche am Sonntag in der Reutlinger Marienkirche 

„Die Vesperkirche ist ein Zeichen dafür, dass in der Stadt etwas nicht stimmt“, betonte Vesperkirchenpfarrer Jörg Mutschler am gestrigen Sonntagvormittag beim Eröffnungsgottesdienst in der Reutlinger Marienkirche. „Vesperkirche ist der Stachel im Fleisch der Wohlstandsgesellschaft“, führte Mutschler in seinen Willkommensworten weiter aus. Ähnlich kritische Worte fand auch Bischof Otfried July in seiner Predigt: „Vesperkirchen zeigen die soziale Not in der Gesellschaft auf, aber sie wollen auch helfen und sich für strukturelle Gerechtigkeit einsetzen.“

Coronabedingt war der Eröffnungsgottesdienst für die diesjährige 25. Vesperkirche in Reutlingen kurz, deutlich kürzer als in Vorpandemie-Zeiten gewohnt. Jörg Mutschler gedachte zu Beginn der Feier seinem verstorbenen Vorgänger Klaus Kuntz, der Initiator und auch langjähriger Motor dieses besonderen Gasthauses in der Achalmstadt war. Vor einem Vierteljahrhundert hatte Ruhestandspfarrer Kuntz erstmalig mit einem Kreis von Ehrenamtlichen die Vesperkirche in der Nikolaikirche durchgeführt – und damit in Reutlingen für dieses ausdrucksstarke Symbol der Solidarität mit den Menschen am Rand der Gesellschaft gesorgt. Als die Reutlinger Vesperkirche zum ersten Mal ihren Platz in der Nikolaikirche fand, hatte mit Sicherheit niemand daran gedacht, dass die 25. Jubiläumsausgabe ein weiteres Mal durchgeführt werden musste, ohne die Möglichkeit, in dem Gotteshaus verweilen zu können.

„Wir leben in Zeiten, die polarisieren“, sagte Bischof July in seiner Predigt mit Blick auf die Pandemie mit all ihren Folgen und Begleiterscheinungen. „Gerade jetzt wird viel nach Orientierung und Gerechtigkeit gefragt – Vesperkirchen braucht aber nicht viel Worte, Vesperkirchen sind selbsterklärend.“ Mutschler hatte darauf hingewiesen, dass „Armut zum Heilen da ist“ – und sie sei damit kein unvermeidliches Schicksal. Reutlingens Oberbürgermeister Thomas Keck betonte: „Es gibt eine deutliche monetäre Spaltung in der Gesellschaft.“ Gerade deshalb seien Vesperkirchen „leider eine sehr wichtige Einrichtung“. Und zwar eine, die wie Mutschler betont hatte, immer wieder den Stachel in die Wunde legt. In die Wunde des gewaltigen Unterschieds zwischen Arm und Reich. Aber: Vesperkirche sei nicht nur für Arme, für Bedürftige gedacht, „Vesperkirche ist für alle da“, so Keck. Schließlich solle Vesperkirche auch ein Ort der Begegnung sein. In „normalen“ Zeiten.

„Stattdessen muss die körperliche Nähe schützender Distanz weichen – aber die zwischenmenschliche Solidarität bleibt nicht auf der Strecke“, hob Reutlingens OB hervor. „350 Vespertüten werden in den kommenden vier Wochen täglich gepackt und verteilt“, so Keck. Insgesamt seien das mehr als 10 000 Tüten, in denen sich neben einer Mahlzeit zum Aufwärmen auch ein Vesper, Getränk und etwas Süßes enthalten sind. Reutlingens Rathauschef lobte aber auch ausdrücklich das ehrenamtliche Engagement so vieler Reutlinger. „Das ist ein Ausdruck von Verantwortungsbereitschaft, von gelebter Solidarität – und genau das macht mich auch stolz, dass es so viele ehrenamtlich Engagierte in Reutlingen gibt, herzlichen Dank dafür.“

Kurz vor Kecks Worten hatte Dr. Joachim Rückle als Geschäftsführer des Diakonieverbands noch das Brot in der Marienkirche gebrochen, im Anschluss an den Gottesdienst gingen viele der Besucher noch mit zur Nikolaikirche. Dort wohnten sie mit Posaunenchorunterstützung dem ersten Austeilen der Vesperkirchentüten in diesem Jahr bei. Der Andrang der Bedürftigen war jedoch deutlich geringer als erwartet: Nach rund einer halben Stunde hatte die erste Schlange der Anstehenden ihre Tüten erhalten – und manche auch noch einen Kaffee an der aufgestellten Weihnachtsmarktbude entgegengenommen. „Mit Sicherheit wird in den kommenden Tagen der Andrang deutlich größer sein“, betonte Gisela Braun als hauptamtliche Kraft in der Vesperkirche aus den Erfahrungen des Vorjahres.

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