Skip to main content

Aktuelles

Mehr Armut und mehr Gesprächsbedarf

Eindrücke zur Halbzeit und vor Ort sehen Sie hier: youtu.be/IQZyulXQfKQ

Zur Halbzeit der Reutlinger Vesperkirche gehen täglich mehr als 400 Tüten über die Theke. Kaffeeangebot wird sehr gut angenommen

Kalt ist es bei der Verteilung der Vesperkirchentüten vor der Reutlinger Nikolaikirche. Die Kälte kriecht vor allem dann von den Füßen in den gesamten Körper hinauf, wenn man sich länger dort aufhält. „Und das tun einige, wenn sie sich an den Hütten noch einen Kaffee oder Tee holen“, sagt Kathrin Haaga am gestrigen Montagmittag. Die Sozialarbeiterin sei das „freundliche Gesicht der Vesperkirche“, sagt Jörg Mutschler und meint damit: Haaga íst nicht nur während der laufenden vier Wochen als Mitarbeiterin des Diakonieverbands für die Belange der Bedürftigen ansprechbar, sondern das ganze Jahr über.

45 Liter Kaffee, vier Liter Tee und sechs Liter Gemüsebrühe werden täglich während der Vesperkirchenzeit ausgeschenkt. „Auf Anfrage haben wir die Gemüsebrühe in das Angebot mit aufgenommen“, berichtet Dr. Joachim Rückle als Geschäftsführer des Diakonieverbands. Dass die kostenlosen Vespertüten noch stärker nachgefragt sind als im vergangenen Jahr, zeigt sich an der Zahl der täglich ausgegebenen Tüten: Nach zögerlichem Start waren es schnell mehr als 400. „Mehr geht auch nicht“, sagt Ulrich Soulier, der als Ehrenamtlicher insgesamt 19 Tage während der diesjährigen Vesperkirche dort Dienst tut. Doch damit nicht genug: Er holt Nachschub in allen möglichen Bereichen, organisiert und macht und ist auch beim Auf- und Abbau dabei. Einer von insgesamt 250 Freiwilligen, die auch in diesem Jahr wieder helfen. „Täglich sind es rund 25“, so Rückle.

Die Kapazität der Tüten ist mit 400 pro Tag nicht allein deshalb erschöpft, weil die Bruderhaus-Diakonie-Küche nicht mehr liefern kann. Auch beim Packen der Vespertüten wäre ein weiteres Plus kaum leistbar. „Und wir müssen jetzt schon täglich 350 Brötchen und Butter zukaufen“, sagt Soulier. Gespendete Kuchen könnten es auch noch mehr sein, „aber nur gerührten, trockenen oder Muffins“, betont der Ehrenamtliche. Ebenfalls stark nachgefragt ist die Kommunikation, wie Rückle und Haaga ausführen. „Der Gesprächsbedarf ist bei manchen der Gäste sehr groß“, betont die Sozialarbeiterin Haaga. „Dafür nehmen viele auch kalte Füße in Kauf.“ Zu spüren sei die Isolation, die Corona für viele Menschen mit sich bringe. „Es tut so einigen Gästen richtig gut, hier jemanden zum Reden zu finden“, sagt Rückle. „Das ist die Vesperkirche, die von innen wärmt“, betont Jörg Mutschler.

Nebenher verteilen der Vesperkirchenpfarrer und Kathrin Haaga FFP2-Masken und auch RSV-Busfahrscheine. „Besonders die Fahrscheine werden mir fast aus den Händen gerissen“, so Mutschler. Gerade zum Monatsende hin sei deutlich spürbar, dass die Menschen noch weniger Geld haben als sonst, sagt Haaga. „So einen Fahrschein können sich manche gerade jetzt nicht mehr leisten“, betont Joachim Rückle. „Thema in den Gesprächen ist immer auch, eine Wohnung zu finden oder die Wohnung zu behalten“, hat die Sozialarbeiterin erfahren. Wichtig in diesem Zusammenhang sei die Diskussionsrunde am Donnerstagabend in der Reutlinger VHS: „Armut in einer reichen Stadt“ heißt die Veranstaltung, die auch digital, ohne Voranmeldung anzusehen ist (www.L.vhsrt.de/armut).

„Wichtig ist auch das Angebot, das in Kooperation mit der Feuerwehr gemacht wird“, betont Jörg Mutschler. „Mittwochs und samstags jeweils zwischen 10 und 14 Uhr gibt es ein Impfangebot am Marktplatz.“ Sich selbst und andere schützen laute dabei das Motto, wie der Vesperkirchenpfarrer betont. „Wir haben die Rückmeldung, dass einige Gäste hier dem Impfen gegenüber doch eher kritisch sind, aber der Kirche vertrauen sie, haben einige gesagt“, so Mutschler. Ebenfalls registriert hätten die Vesperkirchen-Helferinnen und -Helfer, dass einige der Gäste sehr verschämt kommen und um eine Vespertüte bitten. „Die Leute kommen nur, weil sie der Not gehorchen“, so Jörg Mutschler. „Auf der anderen Seite aber gibt es den unverschämten Reichtum, da stimmt einiges nicht.“

Spenden für die Vesperkirche kamen laut Rückle in diesem Jahr ungefähr in dem Rahmen herein wie in den vergangenen Jahren. Aber: Weil die Preise gestiegen seien – und die Anzahl der ausgegebenen Vespertüten um rund 10 Prozent – „sind wir weiterhin auf Spenden angewiesen“, betont Joachim Rückle. Wer Bedürftige unterstützen möchte, kann dies tun, auf das Konto mit der IBAN-Nr. DE18 6405 0000 0100 0230 73 bei der Kreissparkasse Reutlingen. Betreff: Vesperkirche.

Zurück